Blick in eine Dachkammer

Gedicht von Victor Hugo Sammlung Les Rayons et les OmbresEpoche 19. Jahrhundert

I

Die Kirche ist weit und hoch. An ihren prächtigen Glockentürmen
Hängt der blühende Spitzbogen seine Kleeblätter und Girlanden;
Ihr Portal erstrahlt, mit seiner Rose geschmückt;
Am Abend wimmelt unter dem gewaltigen Bogen
Engel, Jungfrauen, der Himmel, die dunkle und unförmige Hölle,
Eine ganze Welt, erschreckend wie ein flüchtig geschauter Traum.

Doch nicht die Kirche ist es, und ihre erhabenen Gewölbe,
Ihre Portale, ihre Glasfenster, ihre Lichter, ihre Abgründe,
Ihre Fassade und ihre Türme, die meine Augen fesseln;
Nein; es ist, ganz nah, im Schatten, wohin die Seele gern hinabsteigt,
Dieses Zimmer, aus dem ein klangvoller und zarter Gesang dringt,
Das am Rand eines Daches sitzt wie ein fröhlicher Vogel.

Ja, das Bauwerk ist schön, doch dieses Zimmer ist sanft.
Ich liebe die hohe Eiche weniger als das Moosnest;
Ich liebe den Wind der Wiesen mehr als den rauen Orkan;
Mein Herz, wenn es sich zu den gähnenden Wogen verirrt,
Zieht die dunkle Alge den riesigen Klippen vor.
Und die glückliche Schwalbe dem prächtigen Ozean.

II

Frischer Winkel! Durch ein lichteres Laubwerk
Erblüht sein kleines und wie verzaubertes Fenster

Neben dem gotischen Portal.
Sein grüner Fensterladen, an drei Nägeln aufgehängt,
An einem Ende losgelassen, am anderen festgehalten,
Öffnet sich kokett wie ein großer Fächer.

Draußen füllt eine schöne Lilie, von einem Zauber umgeben,
Mit ihrer Wurzel und ihrer Blüte als Krone
– Ganz nahe der Dachrinne, wo eine tückische Katze schläft –
Eine Vase von seltsamer Form aus blauem Porzellan,
In der mit Pfauen, die ihren breiten Schwanz ausbreiten, jenes schöne
Azurblaue Land erstrahlt, von dem die Chinesen träumen.

Und im Inneren leuchtet und gleitet mitunter
Ein Schatten, eine Gestalt, eine Fee, eine Anmut,
Ein Mädchen aus dem Volk mit einem Lied voller Glück,
Waise, sagt man, und allein in diesem Asyl,
Doch die manchmal aussieht, so ruhig ist ihre Stirn,
Als sähe sie deutlich das Antlitz des Herrn.

Man spürt, allein beim Anblick, ihre tiefe Würde.
Kein Wind hat die Welle dieses schlammfreien Herzens getrübt.
Dieser zarte Vogel, der zwitschert, kennt den Vogelfänger nicht.
Der Flügel des Schmetterlings hat seinen ganzen Staub.
Die Seele der demütigen Jungfrau hat ihr ganzes Licht.
Die Perle des Morgengrauens ist noch in der Blüte.

In die dunkle Dachkammer scheint das Auge zu sehen,
Wie sanft eine ganze Welt der Freude einmündet,
Der Platz, die Vorübergehenden, die Kinder, ihr Treiben,
Die Frauen, die unter der Kirche mit langsamen Schritten verschwinden,
Stirnen, aufgeheitert durch das Lied der Straßen,
Tausend Strahlen von oben, tausend Spiegelungen von unten.

Glückliches Mädchen! Um sie herum wie um einen Tempel
Ist alles bescheiden und sanft, alles gibt ein gutes Beispiel.
Die Biene macht ihren Honig, die Blume lacht dem blauen Himmel zu,
Der Turm verbreitet Schatten, und vor dem Fenster

Ohne Fehl, jeden Abend, um dem Herrn zu gehorchen,
Entzündet der Stern demütig seine Feuerkrone.

Auf ihrem schönen Hals, geprägt von reiner Jungfräulichkeit,
Keine stolze Spitze oder reiche Borte;
Sondern ein einfaches Tuch, sittsam geknotet.
Keine Perle auf ihrer Stirn, aber auch keine Falte,
Sondern ein keusches und lebhaftes Auge, ein klarer Blick.
Wo leuchtet der Blick, dem der Diamant dient?

III

Die Ecke der Zelle birgt ein friedliches Bett.
Auf dem Tisch ist dieses Buch, in dem Gott sichtbar wird,
Die Legende der Heiligen, einziges und wahres Pantheon.
Und in einem dunklen Winkel, nahe dem Kamin,
Zwischen der guten Jungfrau und dem Buchsbaum des Jahres,
Befestigen vier Nadeln an der Wand Napoleon.

Dieser Adler in diesem Käfig! – und warum nicht? im Schatten
Dieses engen und ruhigen Zimmers, wo nichts düster ist,
Wo das schöne Kind schläft, sanft wie seine Lilie,
Wo so viel Frieden, Anmut und Freude ausgegossen ist,
Hasse ich es nicht, im Grund meiner Gedanken
Den Lärm der schweren Kanonen zu hören, die nach Austerlitz rollen.

Und neben dem Kaiser, vor dem sich alles neigt,
– O legitimer Stolz der armen Waise! –
Glänzt ein Ehrenkreuz, demütiges und triumphierendes Zeichen,
Kreuz eines Soldaten, gefallen wie jeder Held fällt,
Und der, schlafender Vater, aus dem Grund seines Grabes
Ein wenig Ruhm über sein Kind wachen lässt.

IV

Kreuz Napoleons! Kriegerisches Kleinod! Gedanke!
Lorbeerkrone, von Strahlen durchdrungen!
Wenn er seine Helden zu erbitterten Kämpfen führte,
Ließ er sie, um die Erde zu erobern,
Während des ganzen Krieges an allen Stirnen hängen;
Dann, als das große Werk vollbracht war, sagte er ihnen: Kommt!

Dann gab er sein Kreuz diesen stoischen Männern,
Und Tränen flossen aus ihren heroischen Augen;
Stumm bewunderten sie ihren siegreichen Halbgott;
Man hätte gesagt, indem er ihre Seele mit seiner Seele entzündete,
Indem er ihre Brust mit seinem Flammenfinger berührte,
Ließ er ihnen diesen Stern aus dem Herzen entspringen!

V

Am Morgen singt sie und dann arbeitet sie,
Ernst, die Füße auf ihrem Strohstuhl,
Nähend, zuschneidend, stickend einige auserlesene Muster;
Und während, an Gott denkend, einfach und ohne Furcht,
Diese Jungfrau ihre erhabene und heilige Aufgabe erfüllt,
Sitzt das träumerische Schweigen an ihrer Tür.

So, Herr, bedecken Eure Hände diese Wohnung.
In diesem dunklen Asyl, das keine Sorge streift,
Nichts, das nicht heilig, nichts, das nicht reizend wäre!
Diese Seele, die zu Euch betet für jene, deren Schiff sinkt,
Kann jeden Abend zu Euch aufsteigen, ohne einen Schatten zu werfen
In die Heiterkeit Eures Firmaments!

Keine Gefahr! Keine Klippe! – Doch! die Natter ist im Gras!
Ach! ach! der Wurm ist in der prächtigen Frucht!
Um ein Leben zu trüben, genügt ein Blick.
Das Böse kann sich selbst im Licht einer Kerze zeigen.
Die Neugier, die der Geist der Jungfrau hat,
Schlägt später eine Wunde ins Herz der Frau.

Voll dieser schändlichen Lieder, Ekel der Erinnerung,
Liegt oben auf einem alten Schrank ein altes Buch,
Von irgendeinem niedrigen Vorübergehenden in diesem Schatten vergessen;
Roman des letzten Jahrhunderts! Werk der Schändlichkeit!
Voltaire herrschte damals, dieser Affe des Genies,
Vom Teufel zum Menschen auf Mission gesandt.

VI

Epoche, die du, von Wein und Blut gerötet,
Selbst im Sterben noch die Haltung der Orgie bewahrtest!
O achtzehntes Jahrhundert, gottlos und gezüchtigt!
Gesellschaft ohne Gott, von der du, Gott, getroffen wurdest!
Die du, unter der Axt Zepter und Schwert zerbrechend,
Jung die Liebe kränktest und alt das Mitleid!

Tafel eines langen Festmahls, das ein Schafott beendet!
Welt, blind für Christus, die Satan erleuchtet!
Schande über deine Schriftsteller vor den Nationen!
Der Schatten deiner Verbrechen liegt in ihrem Ruhm
Wie aus einem Kessel Rauch aufsteigt,
So steigt ihr düsterer Ruhm aus den Revolutionen!

VII

Zerbrechliches Boot, eingeschlafen wenige Schritte von einem Abgrund!
Nimm dich in Acht, Kind! Zartes Herz, wo noch nichts leidet!
O arme Tochter Evas! O arme junge Seele!
Voltaire, die Schlange, der Zweifel, die Ironie,
Voltaire ist in einer Ecke deines gesegneten Zimmers!
Mit seinem Flammenauge späht er dich aus und lacht.

Oh! zittere! Dieser Sophist hat viele Sümpfe ausgelotet!
Oh! zittere! Dieser falsche Weise hat viele Engel verloren!
Dieser Dämon, schwarzer Milan, stürzt sich auf fromme Herzen,
Und zerbricht sie, und oft, unter seinen grausamen Krallen,
Habe ich Feder um Feder diese weißen Flügel fallen sehen,
Die eine Seele fliegen und in den Himmel entfliehen lassen!

Er zählt die unzähligen Schläge deines Herzens.
Die kleinste Regung deines Geistes im Schatten,
Wenn sie sich ein wenig zu ihm neigt, lässt sein Auge aufstrahlen.
Und wie ein umherstreifender Wolf, wie ein lauernder Tiger,
Zeigt sich mitunter, von Satan, nur dem Dichter sichtbar,
Das monströse Haupt an deiner Schwelle!

VIII

Ach! wenn deine keusche Hand dieses schändliche Buch öffnete,
Würdest du plötzlich fühlen, wie Gott in deiner Seele stirbt.
Heute Abend würdest du deine traurige und schmollende Stirn neigen,
Um in der Ferne in einer grünen Allee
Die funkelnden Wagen mit sternenbesetztem Rad vorbeifahren zu sehen,
Und morgen würdest du über die heilige Scham lachen!

Dein Bett, in der Nacht von seltsamen Visionen gestört,
Würde den Schlaf vertreiben, den furchtsamsten der Engel!
Du würdest nicht mehr schlafen, du würdest nicht mehr singen,
Und dein Geist, in den Ozean der Träume gefallen,
Würde, entwurzelt wie das Gras der Ufer,
Vom Vergnügen zur Schande und von der Flut zur Ebbe treiben!

IX

Oh! das Kreuz deines Vaters ist da, das dich ansieht!
Das Kreuz des alten Soldaten, gestorben in der alten Garde!
Lass dich von ihm beraten, versuchter Engel!
Lass dich beraten, führen, vielleicht retten
Von dieser brüderlichen Lilie, die sich über dein Fenster neigt,
Und ihren Duft mit deiner Jungfräulichkeit mischt!

Bei jedem Schatten, der vorübergeht und die Wimper senkt!
Bei den alten Heiligen, die unter dem steinernen Portal aufgereiht sind!
Bei der weißen Taube mit schnellem Abschied!
Bei der glühenden Orgel, deren Hymne in langen Schluchzern zerbricht!
Lass dich beraten von der nachdenklichen Kirche!
Lass dich beraten vom strahlenden Himmel!

Lass dich beraten von der Nadel der Arbeiterin,
Gegenwärtig bei deiner Arbeit, gegenwärtig bei deinem Gebet,
Die leise sagt: Arbeite! – Oh! glaube ihr! – Gott, siehst du,
Ließ aus der Arbeit, die der Tor zurückstößt,
Zwei Töchter entstehen, die Tugend, die die sanfte Heiterkeit schafft,
Und die Heiterkeit, die die Tugend reizend macht!

Höre diese tausend Stimmen, von Liebe betont,
Die im Wind vorübergehen, die von den Wolken fallen,
Die undeutlich von den schweigenden Schwellen aufsteigen,
Die der Tau mit seinen keuschen Tropfen bringt,

Die der Gesang der Vögel dir wiederholt, und die alle
Dir zugleich sagen: Sei rein unter dem Himmel!

Sei rein unter dem Himmel! wie die Welle und das Morgengrauen,
Wie das fröhliche Nest, wie der tönende Turm,
Wie die blonde Garbe, Liebe des Schnitters,
Wie der geneigte Stern, wie die sich neigende Blume,
Wie alles, was lacht, wie alles, was singt,
Wie alles, was im Frieden des Herrn schläft!

Sei ruhig. Die Ruhe geht vom Herzen zum Antlitz;
Die Gelassenheit macht die Majestät des Weisen.
Sei fröhlich. Der Glaube lebt ohne Strenge;
Einer der Widerscheine des Himmels ist das Lachen der Frauen;
Die Freude ist die Wärme, die in die Seelen
Jenes Licht von oben wirft, das man Wahrheit nennt.

Die Freude ist für den Geist ein reicher Gürtel.
Die Freude mildert alles in der unermesslichen Natur.
Gott setzt auf die alten Türme das reizende Nest
Und das blühende Gestrüpp, das im dichten Gras leuchtet;
Denn selbst die Ruine braucht um ihre Traurigkeit
Jugend und Ausstrahlung!

Sei gut. Die Güte enthält die anderen Dinge.
Der nachsichtige Herr, auf den du dich stützest,
Setzt aus Güte den brüderlichen Denker zusammen.
Die Güte ist der Grund der erhabenen Naturen.
Aus einer einzigen Tugend macht Gott das Herz der Gerechten,
Wie aus einem einzigen Saphir die Kuppel des Himmels.

So wirst du bleiben, wie eine Lilie, wie ein Schwan,
Weiß unter den reinen Stirnen, gezeichnet mit einem göttlichen Zeichen,
Und du wirst zu denen gehören, die, ohne Furcht, ohne Langeweile,
Den Reichtum der heiligen Taten sammelnd,
Ihr Boot im Hafen, ihr Leben in der Weisheit anlegen
Und, jeden Abend betend, jede Nacht schlafen!

DER DICHTER AN SICH SELBST

Während über die Wälder, die Wiesen und die Hainbuchen
Das Licht und die Pracht des Himmels sich ergießen,
Du, heiterer Dichter, gieße über die Familien,
Gieße über die Kinder und die jungen Mädchen,
Gieße über die Greise deinen frommen Gesang!

Zeige mit dem Finger das Ufer all denen, die ein Segel
Über die schwarze Flut treibt, von den Winden bewegt;
Den Jungfrauen die Unschuld, glücklicher und edler Stern;
Der Menge den Altar, den die Gottlosigkeit verhüllt;
Den Jungen die Zukunft; den Alten die Ewigkeit!

Lass deine Vernunft in den Mann und in die Frau filtrieren.
Zeige jedem das Wahre von der packenden Seite.
Dass jeder Denker in dir findet, was er verlangt.
Senke Gott in die Herzen, und wirf in jede Seele
Ein offenbarendes Wort, passend zu dem, was sie fühlt.

So, ohne Lärm, im Schatten, o einsamer Träumer,
Dringt dein Geist, aus dem dein von Gott gesegneter Vers entspringt,
Durch den erhabenen Schädel des Volkes unter deinen Füßen; –
Wie ein langsamer und sicherer Keil in den Flanken der Erde
Die Wurzel der Eiche den Granit aufbricht.

Victor Hugo

Übersetzung von Poésies 123 mit Unterstützung des KI-Modells deepseek-chat erstellt.

Text veröffentlicht auf Poésies 123: https://www.poesies123.com/de/gedicht-blick-in-eine-dachkammer-victor-hugo/