I
Ein großes Schloß, uralt, mit Mauern hoch und steil.
Die Stufen des Portals erzittern, Gras wächst dicht,
Schießt lang und grade auf aus Fugen im Pflaster,
Das Zeit mit Moosflechtwerk, wie Aussatz, überzog.
Zu Seiten zwei Türme. Der eine, spitzbehütet,
Verjüngt sich in die Luft. Der andre ist geköpft.
Sein Haupt ward einst, am Abend, von dem Wind entführt;
Doch Efeu, bis zur abgebrochnen Spitze geklettert,
Sträubt sich darüber wie eine Haarmähne,
Während, in die Flanke des Turms sich einsickernd,
Das Wasser des Himmels, hartnäckig, täglich grabend,
Ihn bis zum Grund mit einem ungeheuren Riß aufklaffte.
Ein Baum, dort aufgewachsen, wächst in der Mauer Höhlung,
Läßt vage alte, dunkle Säle sehen,
Jedes Fenster ist trüb wie ein leerer Blick.
Dies ganze schwere, morsche, geschwärzte, welke Bauwerk,
Das die Kluft an der Stirn wie eine Runze zeichnet,
Dessen Fuß zerbröckelt, von Salpeter zernagt,
Dessen Dach dem Himmel seine verwüsteten Ziegel zeigt,
Hat das trostlose Aussehn vernachlässigter Dinge.
Ringsum erstreckt sich ein großer, dunkler, tiefer Park;
Er schläft unter der Sonne, die aufsteigt, und man hört,
Zuweilen, darin vorübergehn ein Rauschen von Laubwerk,
Wie die besänftigten Geräusche der Wellen an den Stränden,
Wenn das Meer in der Ferne unter blauem Himmel strahlt.
Die Bäume haben Zweige so verflochten getrieben,
Daß die Sonne, die ihren Feuerregen schleudert,
Niemals in die Schwärze der Alleen dringt.
Die Sträucher sind gestorben unter diesen buschigen Riesen,
Und das Laubdach ist gewachsen wie eine Kathedrale;
Es schwebt darin ein antiker und sepulkraler Geruch,
Die Feuchtigkeit der Orte, wohin der Mensch nicht mehr geht.
Doch auf den hohen Stufen des Portals, die beherrschen
Die langen Rasen, die in der Ferne große Bäume begrenzen,
Sind Diener erschienen, stützend an den Armen
Zwei tiefgebeugte Greise, die in kleinen Schritten gehn.
Sie schleppen langsam über die grünenden Stufen
Die Zögerungen ihrer steif gewordnen Beine,
Und tasten den Weg mit ihrem Stockesende ab.
Sehr alt – der Mann und die Frau – und wackelnd am Kinn,
Sie haben die Stirn so schwer und die Haut so welk,
Daß man nicht errät, welche Kraft in das Mark
Ihrer Knochen dieses hartnäckige Leben senkte.
In ihre großen Sessel hingesunken ließ man sie,
Zweifach gefaltet, zitternd an Händen und Haupt.
Sie haben ihre Augen gesenkt, die das Greisenalter stumpf macht,
Und schauen ganz nah, auf den Boden, starr.
Sie haben keine Gedanken mehr. Ein langes Zittern
Scheint allein dieses Siechtum zu bewohnen;
Und wenn sie nicht gestorben sind, so aus langer Gewohnheit,
Zu zweit zu leben, stets nah beieinander,
Denn sie haben seit vielen Tagen nicht mehr gesprochen.
II
Doch ein Hauch von Feuer erhebt sich über die Ebene.
Die Bäume in ihren Flanken haben Schauer von Saft,
Denn über ihre wirren Häupter wird die Sonne ziehn.
Überall steigt die Wärme wie eine Flut
Und auf jeder Wiese flattert und scheint zu tanzen
Eine goldene Menge gelber Schmetterlinge.
Weit aufgetan knistert die Landschaft,
Es ist ein ununterbrochenes Geräusch, das den Horizont erfüllt,
Denn, verrückt in den Tiefen des Rasens,
Schreit sich das betäubende Volk der Grillen heiser.
Ein Fieber von entflammtem Leben ist gelaufen,
Und verjüngt, ganz weiß im heißen Licht,
Wie an den ersten Tagen einer verschwundenen Vergangenheit,
Nimmt das alte Schloß sein Lächeln aus Stein wieder an.
Da beleben sich die beiden Greise nach und nach:
Sie blinzeln mit den Augen, und in diesem Feuerbad
Entspannen sich langsam die ausgedörrten Glieder;
Ihre erkalteten Lungen atmen Sonne ein,
Und ihre Geister, wirr wie nach einem Erwachen,
Erstaunen vage über die Geräusche, die sie hören.
Sie richten sich auf, mit den Händen auf ihren Stock gestützt.
Der Mann wendet sich ein wenig zu seiner uralten Freundin,
Schaut sie einen Augenblick an und sagt: „Es ist recht schön.“
Sie, ihren Kopf hebend, noch ganz schläfrig,
Und mit dem Auge die bekannten Horizonte durchlaufend,
Antwortet ihm: „Ja, da sind die schönen Tage wieder.“
Und ihre Stimme ist wie das Blöken der Ziegen.
Freuden des Frühlings kräuseln ihre alten Lippen;
Sie sind verwirrt, denn die Düfte des neuen Waldes
Durchfahren sie zuweilen mit einem jähen Ruck,
Wie ein zu starker Wein, der ihnen zu Kopfe steigt.
Sie wiegen ihre Stirnen auf eine sehr sanfte Weise
Und finden in der Luft Atemzüge von einst wieder.
Er, ganz plötzlich, mit Schluchzen in der Stimme:
„Es war ein gleicher Tag, an dem Sie kamen
Zum ersten Rendezvous, in der großen Allee.“
Dann haben sie nichts mehr gesagt; doch ihre bittern Gedanken
Stiegen zu den fernen Erinnerungen des jungen Alters empor,
Wie zwei Schiffe, die die Meere durchquert haben,
Immer durch dieselbe Kielspur zurückkehren.
Er fuhr fort: „Das ist sehr weit, das kommt nicht wieder.
Und unsere Steinbank, im Hintergrund des Parks, – dort hinten?“
Die Frau machte einen Satz, als von einem Pfeil getroffen:
„Gehen wir sie sehen“, sagte sie, und, die Kehle bedrückt,
Haben beide sich plötzlich mit derselben Anstrengung erhoben!
Paar, ungeheuerlich, so sehr es schlank und bleich ist.
Er, in einem alten Jagdrock mit goldenen Knöpfen,
Sie, unter den seltsamen Mustern eines alten Schals!
III
Sie spähten, aus großer Furcht, gesehen zu werden;
Und dann, gebeugt, mit dem krummen Rücken von Buckligen,
Demütig, so alt zu sein, wo alles wiederzuleben schien,
Wie Kinder faßten sie sich bei der Hand
Und gingen los, die Breite des Weges sperrend.
Denn jeder schwankte ein wenig, wie ein trunkner Mensch,
Stieß den andern zuweilen mit einem Schulterstoß,
Und Zickzacklinien leiteten ihr unsicher Gleichgewicht.
Ihre Stöcke, den jeweils freien Arm stützend,
Trabten an ihrer Seite wie zwei Holzbeine.
Doch von Halt zu Halt in ihrem atemlosen Lauf
Erreichten sie den Park und dann die große Allee.
Ihre Vergangenheit erhob sich und ging vor ihnen her,
Und auf der feuchten Erde glaubten sie stellenweise
Den frischen Abdruck ihrer verliebten Füße noch zu sehn;
Als hätten die Wege ihre Spuren bewahrt,
Jeden Tag das gewohnte Paar erwartend.
Sie gingen, ganz schmächtig, nahe den riesigen Bäumen,
Verloren unter der Höhe der Eichen und Ulmen,
Die um sie her ein immerwährendes Abenddunkel gossen.
Und wie ein altes Buch, in dem man die Seite umblättert:
„Hier ist es“, sagte der eine. Die andre sagte: „Da ist es:
Der Platz, wo ich Ihre Finger küßte? – Ja, da ist er.
– Ihre Lippen? – Ja! sie sind es!“ Und ihre Pilgerschaft,
Von Kuß zu Kuß auf den Mund oder die Finger,
Setzte sich fort wie ein Kreuzweg.
Sie strömten beide über von vergangenen Fröhlichkeiten,
Schwünge, die das Herz zu den beendeten Glücke nimmt,
Im Gedenken, daß einst, die Taillen umschlungen,
Die Augen sprechend aus dem Grund der Augen, die Finger vereint,
Stumm, die Brust verwirrt von unbekannten Fiebern,
Sie dieselben Alleen durchwandert hatten!
IV
Die Bank erwartete sie, bemoost, gealtert wie sie.
„Sie ist es!“ sagte er. „Sie ist es!“ nahm sie wieder auf. Sie setzten sich,
Und unter den warmen Widerscheinen glücklicher Erinnerungen
Hellten sich die tiefen Schwärzen der Bäume auf.
Doch siehe, im Grase sahen sie sich nähern
Eine hundertjährige Kröte mit gedunsenen Formen.
Sie ahmte, mit ihren gespreizten Beinen,
Die Bewegungen eines Kindes nach, das nicht laufen kann.
Ein krampfhaftes Schluchzen ließ ihren Atem röcheln;
Er! der erste Zeuge ihrer fernen Liebe,
Der jeden Abend kam, ihre Schwüre anzuhören!
Und allein er erkannte diese Reliquien von Liebenden,
Denn seine plumpe, geduldige Gangart beschleunigend,
Seinen Bauch aufblähend, mit runden, gerührten Augen,
Gegen die zitternden Füße der welken Verliebten
Zog er langsam seine vertrauensvolle Schwere.
Sie weinten. – Doch plötzlich ein kleiner Vogelgesang
Erhob sich aus den Tiefen des Waldes. Es war derselbe,
Den sie vor achtzig Jahren gehört hatten!
Und in der Bestürzung eines höchsten Deliriums,
Aus dem Grund der beendeten Tage, die vor ihnen herbeieilten,
Satzweise, wie ein Sturzbach, der geht, stets angeschwollen,
Ihr ganzes Leben, mit seinen Freuden, seinen Räuschen,
Und seinen schlaflosen Nächten leidenschaftlicher Liebkosungen,
Und seinen Erwachen zu zweit so süß, müde und zerschlagen,
Und dann, am Abend, laufend unter den schwebenden Schatten,
Die Düfte der Wälder mit erregenden Säften,
Die unendlich die Langsamkeit der Küsse verlängern!…
Doch während sie sich mit Zärtlichkeit durchdrangen, öffnete sich
Die Allee, ließ einen wirren Windhauch durch;
Und, parfümiert, ihr Herz treffend, wie einst,
Weckte dieser Hauch, der die Jugend der Wälder trug,
In ihrem Blut den toten Schauer der Keime.
Sie fühlten, verbrannt von Hitzen der Häute,
Ihren ganzen Körper erzittern und ihre Hände sich pressen,
Und sahen sich an, als wollten sie sich küssen!
Doch statt der klaren Stirnen und jungen Gesichter,
Die durch die Entfernung der Zeitalter erschienen
Und sie mit diesen erloschnen Wünschen erfüllten,
War, die eine ganz an die andre gedrängt, zwei alte Gesichter,
Die sich mit abscheulichen Grimassen anlächelten!
Sie schlossen die Augen, ganz ohnmächtig, ergriffen
Von einem schnellen und furchtbaren Schrecken wie
Die Angst des Todes!…
„Gehen wir fort!“ sagte der Mann.
Doch sie konnten nicht aufstehn; eingekrustet
In die Starrheit der Bank, entsetzt
So weit entfernt zu sein, so alt und so gebrechlich.
Und ihre Körper blieben so unbeweglich,
Daß sie zu Steinmenschen geworden schienen. Und dann
Flohn beide plötzlich mit einem großen Schwung.
Sie jammerten vor Not, und auf ihren Rücken goß
Das Laubdach wie einen Regen eine schwere Kälte Tropfen um Tropfen;
Sie erstickten, getroffen von eisigen Hauchen,
Von Luftzügen aus Kellern und moderigen Gerüchen,
Die dort unten seit hundert Jahren keimten.
Und auf ihren Herzen, schwere Last, machten ihre toten
Poesien ihre krampfhaften Anstrengungen schwerer,
Und ließen ihre langsamen, keuchenden Schritte straucheln.
V
Die Frau sank nieder wie eine Feder, die bricht;
Er blieb ohne zu verstehn und wartete auf sie, stehend,
Unruhig, sie nur für ein wenig müde haltend,
Denn ihr Kleid zitterte immer noch. Dann plötzlich
Kam ihm der Schrecken wie ein Bö.
Er beugte sich, nahm ihre Arme, und mit einer
Furchtbaren Anstrengung hob er sie, obwohl er sehr schwach war.
Doch ihr ganzer armer Körper hing, unheilvoll und schlaff.
Er sah, daß sie erstickte und daß sie sterben würde,
Und um Hilfe zu suchen, begann er zu laufen
Mit kleinen, erschreckenden und grotesken Sprüngen,
Beschreibend, ohne die Hand, die ihm als Stütze diente,
Im Galopp, stoßweise von seinem Stock geführt,
Wege, verwickelt wie Arabesken.
Sein Atem war schnell und hart wie ein Husten.
Doch er fühlte sein wankendes Bein weich werden,
So weich, daß er auf seinen Knien zu tanzen schien.
Er stieß an die schwarzen Stämme seinen hüpfenden Lauf,
Und die Bäume spielten mit ihm, stießen ihn,
Warfen ihn von einem zum andern und schienen
Feige mit dieser Agonie zu spielen.
Er begriff, daß der schreckliche Kampf beendet war,
Und wie ein Schiffbrüchiger, der ertrinkt, stieß er
Einen kleinen kläglichen Schrei aus, als er auf das Gesicht fiel.
Schwaches Stöhnen, das kein Wind forttrug!
Er hörte noch, irgendwo im Raum,
Die langen, düsteren Krächzen eines Raben,
Gemengt mit den fernen Tönen einer zerbrochnen Glocke.
Und dann hörte alles Geräusch auf. Der dichte, eisige Schatten
Legte sich auf sie, schwer wie ein Grab.
VI
Sie blieben dort. Der Tag verlosch. Die Finsternisse
Füllten den ganzen Himmel mit ihren Todeswogen.
Sie blieben dort, zusammengerollt wie zwei kleine Haufen
Von Blättern, schlotternd ihre hartnäckigen Fieber,
So verschwommen in der Nacht, daß man sie nicht fand.
Sie bildeten ein Hindernis für die erstaunten Tiere,
Indem sie den jeden Abend gezognen Pfad sperrten.
Die einen blieben stehn, schüchtern, um sie zu sehn;
Andere liefen über sie wie über Strandgut;
Schnecken krochen auf ihnen, ihren Schleim ziehend;
Insekten durchwühlten die Falten ihrer Körper,
Und andre richteten sich auf ihnen ein, sie für tot haltend.
Doch ein Schauer lief bald durch die Alleen.
Ein Regenguß öffnete die gegeißelten Blätter,
Rinnend und klatschend auf den Boden mit Geräusch.
Und auf die beiden Greise, die noch schlotterten,
Fiel der Regen, in dicken Fluten, die ganze Nacht.
Dann, als das Licht der Morgenröte wiederkehrte,
Unter dem anhaltenden Traufen der hohen grünen Laubdächer
Hob man, ganz kalt in ihren feuchten Kleidern,
Zwei kleine leblose Körper auf, erschreckend und starr
Wie die Ertrunkenen, die man am Grund der Meere findet.
Guy de Maupassant
Übersetzung von Poésies 123 mit Unterstützung des KI-Modells deepseek-chat erstellt.
Text veröffentlicht auf Poésies 123: https://www.poesies123.com/de/gedicht-das-letzte-abenteuer-guy-de-maupassant/
