XI
Armes Weib ! ihr Milch ist ihr zu Kopf gestiegen.
Und in seinen kalten Salons hat die Welt es wiederholt,
unter den eitlen Reden, die jeder Tag fortträgt,
gestern, daß sie wahnsinnig sei, heute, daß sie tot ist;
und allein auf dem Feld der Toten trete ich diesen Rasen,
dieses Grab, wo ihr Leben ihrem Verstand gefolgt ist !
Wahnsinnig ! tot ! warum ? Mein Gott ! um so wenig !
Um ein zerbrechliches Kind, dessen Wimper geschlossen ist,
um einen süßen Neugeborenen, Haupt von frischen Farben,
der jüngst an ihrer Brust, wie eine Fliege an den Blumen,
hing, lachte, weinte, und, trotz ihrer Gebete,
ihren ganzen Schlaf während ganzer Nächte störend,
tausend Reden führte, armer kleiner Freund !
Und der nichts mehr sagt, denn er ist eingeschlafen.
Als sie ihren Sohn sah, am Abend eines sehr düsteren Tages,
Denn sie nannte ihn ihren Sohn, diese eitle Schatten !
Als sie das Kind erstarrt in seiner Blässe sah,
— Oh ! tröstet einen solchen Schmerz nicht !
Sie weinte nicht. Die Milch mit dem Fieber
verwirrte plötzlich ihren Kopf und ließ ihre Lippe zittern;
und seit jenem Tag, ohne zu sehen und ohne zu sprechen,
ging sie vor sich hin und sah vor sich hingehen.
Sie suchte im Schatten eine verlorene Sache,
ihr Kind, verschwunden in der weiten Woge;
und mitunter neigte sie ihr Ohr im Gehen,
als hörte sie unter der Erde einen Gesang.
Eine Frau aus dem Volk, eines Tages, als in der Straße
eine herbeigeeilte Menge ihr auf den Fersen drängte,
Nur daran, sie leiden zu sehen, erriet ihr Unglück.
Die Männer, als sie diese schöne farblose Stirn sahen,
und dieses kalte Auge, das stets einem Trugbild folgte,
riefen aus : Arme Wahnsinnige ! Sie sagte : Arme Mutter !
Arme Mutter, in der Tat ! Ein erstickender Seufzer
unterbrach mitunter ihre Stimme, die murmelte : Das Kind !
Mitunter schien sie in der vergrabenen Asche
einen am Himmel entschwundenen Schimmer zu suchen;
denn die junge entflohene Seele, ach ! aus ihrem Haus
hatte im Fortgehen ihren Verstand mitgenommen !
Man mochte ihr sagen, mit leiser Stimme sprechend,
daß das Leben so sei; daß alles stirbt, alles vergeht;
und daß es Kinder gibt, — Mütter, wißt es wohl !
die Gott, der alles leiht und nichts gibt,
um unsere Stirnen mit ihren weißen Flügeln zu kühlen,
wie Vögel für einen Tag auf unsere Zweige setzt !
Man mochte ihr sagen, sie hörte nicht.
Das Auge starr, sah sie stets vor ihren Schritten
sich die reizenden Arme des Kindes öffnen, das sie ruft.
Sie hatte aus Rasseln eine bescheidene Kapelle gemacht.
Denn nichts ist mächtiger als diese kleinen toten Arme,
um die Mütter schnell ins Grab zu ziehen.
Wo das Kind gefallen ist, fällt bald die Frau.
Was ist ein Haus, dessen Schwelle verlassen ist ?
Was ein Bett ohne eine Wiege ? Barmherziger Gott ! wozu dient
der mütterliche Blick ohne das Kind, das ruht ?
Wozu diese weiße Brust ohne diesen roten Mund ?
Nachdem sie lange, das Herz tot, die Augen tot,
auf dem Grab umhergeirrt war, als sei sie außerhalb,
— Lange ! das sind hier menschliche Worte,
ach ! es hat nur sehr weniger Wochen bedurft ! —
Unglückliche ! in zwei Monaten ist alles entschwunden.
Gestern war sie wahnsinnig, heute ist sie tot !
Es genügt, daß ein Vogel an ein Ufer kommt,
daß ein zweiter Vogel ihm eilig dorthin folgt.
Von zweien ist immer einer, der vorangeht.
Nachdem er kaum seinen Flügel dem Wind geöffnet,
kam er, das schöne Kind, sich auf dem Grab niederzulassen;
sie kam nach ihm, wie eine andere Taube.
Man hat die Erde gegraben, und dort, unter dem Rasen,
hat man die Amme neben das Säugling gelegt.
Und ich sage : — Herr ! dein Reich ist streng !
Herr ! du hast überall ein dunkles Geheimnis gesetzt,
in den Menschen und in die Liebe, in den Baum und in den Vogel,
und bis in diese Milch, die eine Wiege verlangt,
Ambrosia und Gift, süßer Honig, bitterer Trank,
gemacht, um das Kind zu nähren oder die Mutter zu töten !
Victor Hugo
Übersetzung von Poésies 123 mit Unterstützung des KI-Modells deepseek-chat erstellt.
Text veröffentlicht auf Poésies 123: https://www.poesies123.com/de/gedicht-fiat-voluntas-victor-hugo/
